POLITISCHES


Strafsache Medium
Wer Kinofilme oder DVDs kopiert...
Gerade im vergangenen Jahr war das Thema "Raubkopie" verbreiteter denn je. Die Gesetzeslage, die immer wieder zu Gunsten der jeweils argumentierenden Partei gebogen wird - man nennt es auch ausgelegt - soll hier nicht gradegerückt werden, dazu gibt es im Internet schon ausreichend Quellen. Hier soll nur die moralische wie pragmatische und bewusst laienhafte Frage interessieren, ob das Faktum, dass sich Nutzer Kopien von Medien ziehen, einen wirklichen Schaden für die Medienindustrie bedeutet.
Da diese KUS-SPEZIAL ohnehin eine filmlastige Ausgabe ist, soll die Argumentation auf das Medium Film beschränkt bleiben. Zunächst Kino. Definieren wir dafür den vielerorts erwünschten Idealfall: Ein neuer Film erscheint, es wird unglaublich viel und teuerste Werbung dafür gemacht, und das Publikum eilt folgsam in die Kinosäle, um das Spektakel mitzuerleben. Ist es ein guter Film, gehen manche vielleicht noch einmal rein, einige sogar ein drittes Mal, wer öfter als viermal in einen Film geht, gilt allerdings als seltene Spezies.
Dann geschieht eine Weile gar nichts, der Film wird mangels Besucherstrom bald aus den Kinos genommen, heutzutage so schnell, dass man kaum die neue Kinozeitung drucken kann, und dann wird es still um ihn. Doch wie ein Phönix aus der Asche steigt er nach einer gewissen Zeitspanne wieder empor in die Welt des Publikums, diesmal auf einem Speichermedium, der DVD. Wo nun können die Raubkopierer dem Film und der Medienindustrie Böses antun?
Es gibt Kopierer, die notgedrungen Serienfolgen aus dem Netz zieht, weil sie im Deutschen Fernsehen nicht oder noch nicht laufen. Außer dass diese Person Englisch oder eine andere Fremdsprache lernt, bewirkt diese Art des Raubkopierens wohl nichts, daher sind sie nicht relevant.
Andere dagegen kopieren DVDs und geben sie an Freunde weiter. Und wieder andere kopieren sogar im Schutz der Dunkelheit des Kinosaals brandneue Filme, bevor diese für Privatpersonen verfügbar sind.
Argument der Kopiergegner: Niemand gehe mehr ins Kino, um den Film zu sehen, und niemand kaufe die DVD, wenn er schon eine Kopie besitzt. Darum nennen sie es also Raub, weil sie um ihre Einnahmen fürchten.
Von welchen Einnahmen sprechen wir? Was die Filmindustrie angeht, gibt einem "Notting Hill" zu denken. Wenn Anna Scott im Understatement-Ton sagt, dass sie 15 Millionen Dollar für ihren letzten Film gekriegt habe, dann schmunzeln wir, dass dies aber die Realität solcher Schaupielerinnen ebenso berührt wie unsere, ist eigentlich nicht komisch. Relation und Raub liegen da offenbar Seite an Seite neben der Schönheit.
Pragmatisch betrachtet müssen aber weder Anna Scott noch die Filmindustrie noch die Lichtspieltheater unter den Kopierern leiden, mit einer Ausnahme, wenn die Kopien zu kommerziellen Zwecken erstellt würden, dann hätten sie sicher Recht, und wir müssten von Diebstahl sprechen. Wer Geld macht mit einer Ware, die ihm nicht gehört, ist ein Dieb, und der Käufer ist ein Hehler.
Kopiert jedoch jemand einen Film - im Kino oder von der DVD - zum Zwecke des reinen Genusses, dann wiederum lässt sich bestenfalls von Mundraub reden, in dem Fall von audiovisuellem Raub. Doch was bezweckt der Täter mit seiner Kopie, wenn nicht Geld damit zu machen? Die Kinos würden sicher sagen: Geld sparen, und betrachten wir die Steigerung der Kinopreise in den letzten fünf Jahren, gäbe es da tatsächlich ein Motiv. Aber was ist der Mitschnitt eines Kinofilms gegen die Kinovorstellung selbst? Nicht einmal ein mickriger Ersatz. Ein Fan, vorausgesetzt der Streifen hat welche, würde nichts lieber erleben, als "seinen" Film noch einmal auf großer Leinwand sehen. Viele Deutsche beneiden die New Yorker geradezu um ihre Kinos, die rund um die Uhr laufen und alte Filme zu Kleinstpreisen zeigen. Die Kopie dagegen dient dem Fan ohnehin nur als Überbrückung, denn eins ist klar, er wartet schon auf die DVD. Zu tief ist seine Liebe zum Detail, zu bedeutungsvoll der Kult, als dass er sich mit einer Kopie auf Dauer zufrieden geben könnte.
Und warum dann kopiert er die DVD? Das fragen natürlich die Hersteller, und wissen auch schon eine Antwort darauf: Geld sparen, und wenn man sich die Preise für DVDs ansieht, dann gibt es da schon ein gewisses Motiv. Obwohl zur Ehrenrettung der Hersteller gesagt werden muss, dass sich die Preise dem größeren Angebot nach verhalten und heute nicht mehr ganz so horrend sind wie noch vor ein paar Jahren. Nein, der Fan kopiert die DVD nicht aus Sparsamkeit, aus diesem Grund wartet er aber vielleicht, bis der Film nicht mehr neu ist und günstiger wurde, aber selbst das gelingt gerade den Fans nur selten. Sie kopieren die teuer eingekaufte DVD (übrigens legal, solange die Kopienanzahl ein erträgliches Maß nicht überschreitet) einzig allein um zu teilen! Sie wollen Freunde und Familie Anteil haben lassen an einem guten Film, den sie lieben. Wie jemand, der sein Lieblingsbuch ausleiht oder verschenkt, und hätte er die Gelegeneit, die sich beim ganz neuen Film noch nicht bietet, verschenkte er sicher lieber ein Original! Und bis dahin machen diese nichtkommerziellen Kopierer sogar noch völlig kostenlos Werbung für Medien-Produkte. Wo also ist hier eigentlich die Straftat?