DAS THEMA


Literatur in Bildern
Film contra Fernsehen
Das Fernsehen, das seit seiner Entstehung Anfang des 20. Jahrhunderts einen unglaublichen Siegeszug hinter sich hat, veränderte unser Leben in unvergleichlicher Weise. Die Mehrzahl dessen, was wir begreifen wollen, das begreifen wir nicht mehr dem Wortsinne nach, wir erfahren es vermittelt, über ein wenig greifbares Medium, Manipulation nicht ausgeschlossen.
Was nun bietet uns das Fernsehen? Der Bildschirm allein bietet gar nichts, er wäre nutzlos ohne einen Sender, denn es handelt sich dabei nur um ein Empfangsgerät. Einlesen lassen sich Daten unterschiedlicher Art, live, also zeitlich parallel zur Abspielung, und konserviert, also wieder und wieder abrufbar, wobei die Methode der Konservierung variierbar ist. Die Informationen können von weit her kommen oder über ein handliches Speichermedium selbstgewählt fließen.
Das Fernsehen allerdings zeichnet sich durch Fremdbestimmung aus, sowohl was Uhrzeiten als auch das Angebot betrifft. Das Geschäft dabei sind die Information an sich, die Unterhaltung und schließlich das Marketing, auch Werbung genannt. Wählt man Information oder Unterhaltung, sieht man sich häufig gezwungen, auch das Marketing im wahrsten Sinne des Wortes mit in Kauf zu nehmen. Manipulation nicht ausgeschlossen.
Doch was bietet die Unterhaltung beim Fernsehen? Sieht man davon ab, dass in vielen Fällen, z.B. beim Sport, Information und Unterhaltung miteinander und sogar mit dem Marketing zu verschwimmen begonnen haben, dann lässt sich die Unterhaltung aufteilen in die kommunikative und die dramtische Sparte, wobei zur ersteren die vielen Shows zählen und zur letzteren das im weitesten Sinne literarische Fernsehen.
Vergleichen wir nun Äpfel mit ihren Kernen, wenn wir das Fersehen dem Film gegenüberstellen? Da das Fernsehen den Film nur als einen externen Bestandteil nutzt, kann die Antwort nein lauten. Denn es soll hier um den Nutzwert des Fernsehens contra dem des Films gehen.
Was also bietet uns der Film? Hier muss man zunächst auf die Geschichte des Kinos zurückgreifen, das noch ein wenig älter als das von ihm abgeleitetete treffend benannte Heimkino ist. Der Film, das laufende Bild, 1895 zuerst vorgeführt, wurde zunächst nicht als Medium zur Unterhaltung verstanden, vielmehr lichtete man Alltagssituationen ab. Erst im Jahre 1902 wurde die kreative Nutzung des Films erstmals umgesetzt. Und zur fraglos unbeabsichtigten Untermauerung der jetzt hier angestellten Erörterung war bereits dieser erste kreative Versuch ein literarischer, man inszenierte Jules Vernes "Reise zum Mond".
Tatsächlich ist das Kino heute mehr denn je der Mittler zwischen der Literatur und dem Publikum, das sich vom aktiv lesenden zum passiv rezipierenden entwickelt hat, zum Leidwesen der Deutschlehrer und Buchverlage. Doch statt den Untergang aller Kultur zu fürchten, scheint es sinnvoller, aus einer unaufhaltsamen Entwicklung jeden nur möglichen Vorteil zu ziehen. Die Vorteile des Films liegen auf der Hand, so denn man sie zu nutzen versteht. Erleichterter Zugang zur Materie, Anregungen zur weiteren Annäherung an das jeweilige Thema, Genuss des mehrfachen künstlerischen Ausdrucks eines Teams, geschlossene Lücke im Kreis der Umsetzungen von literarischen Vorbildern, Verfremdung, um nur einige der Qualitätsmerkmale guter Filme zu nennen. Somit ist der Film ebenso ein Medium, das uns Literatur auf unterschiedliche Weise zu vermitteln versteht. Und wenn auch dieser mittelbare Zugang niemals den unmittelbaren, nämlich das Lesen, ersetzen kann, so kann es diesen doch sinnvoll ergänzen.
Das Medium Fernsehen bedient sich mit dem Film also eines weiteren Mediums, um uns zu unterhalten. Das mag daran liegen, dass das Fernsehen eigentlich nicht einen Selbstzweck verfolgt, den Menschen um des bloßen Sehens willen fernsehen zu lassen, auch wenn das für manche Zuschauer in aller vom Fernsehen suggerierter Maßlosigkeit der Weisheit letzter Schluss ist. Während der Film gedreht wird, um nichts anderes als gesehen zu werden, deckt das Fernsehen ein größeres Spektrum ab, es stellt eine Scheinöffentlichkeit dar, der man als Zuschauer angehört, die wohl auch eine reale sein kann, es aber letztendlich nicht ist, weil man ihrer nicht habhaft werden kann. Der Film dagegen stellt seine Scheinrealität als Kunstwerk vor, er verbirgt diese Absicht nicht, sondern hat sie zur Kunstform erhoben.
Der erste Gewinn des Films gegenüber dem Fernsehen ist also der Aspekt des künstlerischen Schaffens. Während es dem Fernsehen nur gelingt, eine virtuelle Realität zu vermitteln, und das einseitig, da kein Feedback möglich ist wie beim Internet, kann der Film als geschlossene Einheit mit seiner eigenen Virtualität protzen, weil sie nicht Nebenprodukt sondern kreative Absicht ist.
Wobei wir beim nächsten Vorteil des Films wären, der als geschlossene Einheit eine kompakte Dimension hat. Jeder Film lässt sich, auf einem entsprechenden Speichermedium konserviert, transportieren und zeitlich unabhängig über ein Abspielgerät auf den Bildschirm zaubern. Das Fernsehen dagegen ist zeitlich so unbegrenzt wie räumlich begrenzt und auch nicht vom Nutzer steuerbar, siehe Fremdbestimmung, siehe in Kauf nehmen. Selten genug bietet das unterhaltende Fernsehen den Zugang zu Literatur, nämlich nur da, wo es das Medium Film nutzt, und dessen Vorteile werden noch durch besagte Bedingungen eingeschränkt. Die Grenzenlosigkeit, die dem Fernsehen anhaftet, und die das gezielte Abschalten fast verunmöglicht, kommt zudem einem Eindringen in unsere Privatsphäre gleich, wie es sonst nur dem Telefon gelingt, wobei letzteres einen ganz anderen Zweck verfolgt und auch stärker unserer Kontrolle unterliegt, da aktive Einflussnahme möglich ist.
Fassen wir zusammen: Das Unterhaltungs-Fernsehen kann die Vorteile des Films nicht aufwiegen, sich derer noch nicht einmal in vollem Umfang bedienen. Speichermedien gestatten mehr Freiheit im Umgang mit dem Medium Film. Wer einen guten Film sehen will, ist mit VHS, DVD oder gar dem Event-Vergnügen Kino weit besser dran.
Lassen sie das Fernsehen einmal ein paar Wochen aus, lesen sie stattdessen die täglichen Nachrichten in Zeitung oder Internet oder hören Sie Radio. Schauen sie gezielt den ein oder anderen aufgezeichneten, gekauften oder ausgeliehenen Film oder gehen sie ins Kino. Sie werden wieder Geschmack an erzählender Literatur finden. Und das Wort "Ende" gewinnt wieder die ihm gebührende Bedeutung.