Sommer 89. Menschen. Ostdeutsche. DDR-Bürger. Noch.
Noch wissen sie nicht, dass ihre Gesetze eines Tages so wenig wert sein
werden wie ihr Geld, noch gilt es, den Alltag zu absolvieren und das Leben
zu exerzieren, denn das Morgen liegt im Nebel der Geschichte, und der wabert
nach allen Seiten, hüben wie drüben, damals wie heute. Keine Sorge
um Morgen. Es wird schon einer in die Bresche springen, wenn die Nebel sich
lichten, um alle Klischees erfüllen zu helfen, die ostdeutschen wie
die westdeutschen.
2004. Drüben. Kaum ein Ostdeutscher, der blieb, der den Osten nicht liebt, auch heute noch, und warum auch nicht, und jetzt gerade. Das heißt noch lange nicht, dass keine Kritik möglich ist, oder? Allein im Westen ist diese Differenziertheit doch eher selten.
Die vorangegangene Assoziationskette verdanke ich einem Buch, einem Roman, und fast möchte ich Ihnen zurufen: Seien Sie vorsichtig! Das Buch ist gefährlich. Es ist der neue, einschüchternd umfangreiche Roman von Thomas Brussig, "Wie es leuchtet". Schon während Sie es zum ersten Mal lesen, werden Sie versucht sein, verschiedene Dinge zu tun. Sie werden sich nicht entziehen können. Zum Beispiel werden Sie Ihre Spiegelreflex gegen eine Leica eintauschen wollen. Und sie werden beginnen, sich nach Lena zu sehnen, denn sie ist wunderbar. Fokus auf Lena!
Wir folgen also einem Fotografen auf seinen Spuren? Denkste. Das klappt zumindest nicht durchweg, dazu sind die erzählerischen Wege im Buch zu verworren. Aber wer hat sich noch niemals hingesetzt und einen Knoten aufgedröselt, spätestens im zweiten Jahr einer winterlichen Lichterkette ist es zum ersten Mal soweit. Und hier der nächste Drang, sich einen großen Block zu nehmen und alle Charaktere aufzuschreiben, alle, mit all ihren Eigenschaften und Beziehungen. Ich tat das schon einmal bei Anna Seghers, da lohnte es sich auch; das klingt nach Lob, nicht wahr? Soll es ja.
Wir haben also einen, der ablichtet, der dokumentiert, was er sieht, aber glücklicherweise nicht auf Agfa, daher wird es auch nicht ganz so blutig, nicht ganz, nein. Eher wird es verwackelt, respektive verwickelt. So viele Fäden, die verbunden werden wollen. Schicksale, so verschieden, so genau auf den Punkt gebracht, so viele Figuren, die leben, die es zu erleben gilt, die jede Buchseite beleben, die uns ihr Erleben vermitteln. Und schon wieder ein Muss: man sollte versuchen herauszufinden, ob die Zufälle mit lebenden Figuren verbundenen Ähnlichkeiten gleichen - oder so. Weitwinkel in die Welt.
Es gibt aber noch andere Blickwinkel, der Fokus kann immer wieder geändert werden. Wir leben in den Figuren, die uns treffen. Ja, das haben Sie richtig gelesen. Sie treffen uns, jede Figur für sich in besonderer Weise. Eine unerschöpfliche Anzahl von Schicksalen geht ohnehin jeden Tag an uns vorbei, sobald wir uns unter Menschen begeben. Hier aber haben einige davon beschlossen, sich uns vorzustellen, zwanglos, haltlos, schonungslos. Und wir müssen darauf reagieren. Ausweglos. Fokus auf uns.
Vielfalt also. Ja. Verwirrung? Nicht notwendigerweise. Es ist, als ob man dieses Buch aufklappen könnte wie eine Zigarrenkiste, um einen beschriebenen Zettel nach dem anderen herauszunehmen: so viele Vornamen wie Nachnamen, Menschen, alte und junge, illustere Berufe und feige Berufungen, oder umgekehrt, Orte und Plätze, Höhen und Tiefen, beschriebene Funktionen, erzählt niedergeschriebene Worte in tatsächlich niedergeschriebenen Worten, Technik, Handwerk, Kunst, und, nicht zuletzt natürlich, auch Liebe und Hass, Glück und Zufriedenheit, Krankheit und Tod.
Nur eines geht mir persönlich völlig ab: Gescheckte Jeans. Die leuchten nicht, die kreischen. Und manchmal, ganz selten, kommt das Gefühl auf, vorgeführt zu werden, nach dem Motto, was der alles weiß - das darf doch nur Eco, denn der weiß wirklich, was weiß schon Brussig... Doch ich will mich nicht festbeißen. Will weitergucken, sammeln, alles in mich aufnehmen. Will weiter schwärmen. Sicher auch wieder ein Zwang.
Aber da, wieder ein Licht! Ganz aktiv durchdringt es uns. Man ist geneigt zu rufen: Warum denn "Wie es leuchtet"? - Sonne ist nicht gleich Mond. Viel eher trifft doch: Wie es scheint! Reflexionen des Sonnenlichts im Vexierspiegel, stets aus einer anderen Ecke, und immer wieder ganz und gar hell.
Thomas Brussig: Wie es leuchtet, S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2004.
2004. Drüben. Kaum ein Ostdeutscher, der blieb, der den Osten nicht liebt, auch heute noch, und warum auch nicht, und jetzt gerade. Das heißt noch lange nicht, dass keine Kritik möglich ist, oder? Allein im Westen ist diese Differenziertheit doch eher selten.
Die vorangegangene Assoziationskette verdanke ich einem Buch, einem Roman, und fast möchte ich Ihnen zurufen: Seien Sie vorsichtig! Das Buch ist gefährlich. Es ist der neue, einschüchternd umfangreiche Roman von Thomas Brussig, "Wie es leuchtet". Schon während Sie es zum ersten Mal lesen, werden Sie versucht sein, verschiedene Dinge zu tun. Sie werden sich nicht entziehen können. Zum Beispiel werden Sie Ihre Spiegelreflex gegen eine Leica eintauschen wollen. Und sie werden beginnen, sich nach Lena zu sehnen, denn sie ist wunderbar. Fokus auf Lena!
Wir folgen also einem Fotografen auf seinen Spuren? Denkste. Das klappt zumindest nicht durchweg, dazu sind die erzählerischen Wege im Buch zu verworren. Aber wer hat sich noch niemals hingesetzt und einen Knoten aufgedröselt, spätestens im zweiten Jahr einer winterlichen Lichterkette ist es zum ersten Mal soweit. Und hier der nächste Drang, sich einen großen Block zu nehmen und alle Charaktere aufzuschreiben, alle, mit all ihren Eigenschaften und Beziehungen. Ich tat das schon einmal bei Anna Seghers, da lohnte es sich auch; das klingt nach Lob, nicht wahr? Soll es ja.
Wir haben also einen, der ablichtet, der dokumentiert, was er sieht, aber glücklicherweise nicht auf Agfa, daher wird es auch nicht ganz so blutig, nicht ganz, nein. Eher wird es verwackelt, respektive verwickelt. So viele Fäden, die verbunden werden wollen. Schicksale, so verschieden, so genau auf den Punkt gebracht, so viele Figuren, die leben, die es zu erleben gilt, die jede Buchseite beleben, die uns ihr Erleben vermitteln. Und schon wieder ein Muss: man sollte versuchen herauszufinden, ob die Zufälle mit lebenden Figuren verbundenen Ähnlichkeiten gleichen - oder so. Weitwinkel in die Welt.
Es gibt aber noch andere Blickwinkel, der Fokus kann immer wieder geändert werden. Wir leben in den Figuren, die uns treffen. Ja, das haben Sie richtig gelesen. Sie treffen uns, jede Figur für sich in besonderer Weise. Eine unerschöpfliche Anzahl von Schicksalen geht ohnehin jeden Tag an uns vorbei, sobald wir uns unter Menschen begeben. Hier aber haben einige davon beschlossen, sich uns vorzustellen, zwanglos, haltlos, schonungslos. Und wir müssen darauf reagieren. Ausweglos. Fokus auf uns.
Vielfalt also. Ja. Verwirrung? Nicht notwendigerweise. Es ist, als ob man dieses Buch aufklappen könnte wie eine Zigarrenkiste, um einen beschriebenen Zettel nach dem anderen herauszunehmen: so viele Vornamen wie Nachnamen, Menschen, alte und junge, illustere Berufe und feige Berufungen, oder umgekehrt, Orte und Plätze, Höhen und Tiefen, beschriebene Funktionen, erzählt niedergeschriebene Worte in tatsächlich niedergeschriebenen Worten, Technik, Handwerk, Kunst, und, nicht zuletzt natürlich, auch Liebe und Hass, Glück und Zufriedenheit, Krankheit und Tod.
Nur eines geht mir persönlich völlig ab: Gescheckte Jeans. Die leuchten nicht, die kreischen. Und manchmal, ganz selten, kommt das Gefühl auf, vorgeführt zu werden, nach dem Motto, was der alles weiß - das darf doch nur Eco, denn der weiß wirklich, was weiß schon Brussig... Doch ich will mich nicht festbeißen. Will weitergucken, sammeln, alles in mich aufnehmen. Will weiter schwärmen. Sicher auch wieder ein Zwang.
Aber da, wieder ein Licht! Ganz aktiv durchdringt es uns. Man ist geneigt zu rufen: Warum denn "Wie es leuchtet"? - Sonne ist nicht gleich Mond. Viel eher trifft doch: Wie es scheint! Reflexionen des Sonnenlichts im Vexierspiegel, stets aus einer anderen Ecke, und immer wieder ganz und gar hell.
Thomas Brussig: Wie es leuchtet, S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2004.


