KINO: Anything Else


Ein später Komischer
oder: Was ist eigentlich ein schlechter Allen?
„Anything Else“ soll also ein schlechter Allen sein. Seltsam. Da muss ich wohl einen anderen Film gesehen haben. Mir ist selten ein gleichermaßen witziger, zynischer, böser, unversöhnlicher und unter die Haut gehender Allen begegnet wie in diesem Film, und dass obwohl auch hier Slapstick-Motive verwendet werden.
Aber eins nach dem anderen. In Kritiken wird oft so viel miteinander vermischt, dass ich mich erst einmal damit beschäftigen möchte, alles aufzudröseln.
Zunächst die Schauspieler. Woody Allen, der mit fast Siebzig nun wirklich nicht mehr den Liebhaber spielen konnte, den er noch im Jade-Skorpion einigermaßen liebevoll meisterte, hat seine Paraderolle an einen jungen Mann abgegeben, der zumindest keine Brille trägt, nämlich Jason Biggs. Über Biggs haben einige Kritiker angemerkt, dass er die Rolle nicht verdient habe. Vielleicht habe ich das Glück nicht zu wissen, welche filmischen Exzesse sich dieser Schauspieler vorher geleistet hat, in diesem Film hatte ich an seinem Spiel nichts auszusetzen, offenbar holt Woody Allen als Regisseur doch immer wieder das Menschenmöglichste aus seinen Darstellern heraus. Und machen wir uns nichts vor, ein allzu guter Schauspieler mit breiter Palette an Mimik und Gestik war er schließlich selbst nie. Seine ihm angestammte Rolle aufzugeben, muss allerdings für Allen schon ein gewaltiger Schritt gewesen sein. Aber es war ein wichtiger Schritt, der ihm neue Möglichkeiten eröffnen könnte. Und Danny DeVito? Ganz offensichtlich hat Allen den diversen Kollegen, die ihm in seiner Komikerlaufbahn unterkamen, noch immer einiges abzugewinnen. Von Broadway Danny Rose bis hin zu dem nervigen Komiker, der einst "Fleisch" brauchte, Sie wissen schon, scheint es in dieser Branche kaum eine Figur zu geben, die so sehr überzogen ist, dass sie nicht real sein könnte, auch wenn es schmerzt.
Aber dies leitet uns zu den Themen und Charakteren über, mit denen sich Allen hier beschäftigt, es sind, wie sollte es uns verwundern, auch nach über fünfunddreißig Jahren immer noch die gleichen. Nehmen wir irgendeinen von Woody Allens Filmen, mal abgesehen von den "frühen komischen", dann finden wir darin einige mehr oder weniger gescheiterte Existenzen, einige verschrobene Liebhaber, einige sich ihres eigenen Körpers und Geistes unsichere Frauen, einige den niemals endenden Antisemitismus beklagende Stimmen und einige Menschen, die ihre Bestimmung suchen. Auch werden sie von immer den gleichen eher als hohl beschriebenen und als durchschaubar abqualifizierten Randfiguren garniert. Auch die Motive wiederholen sich, von sexueller Frustration über Drogenmissbrauch bis hin zu Gewalt. All das, das kann niemand abstreiten, trifft auf diesen Film zu. Und das ist nicht etwa geklaut, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern, wie es sich ganz leicht an einer Vielzahl der Filme nachweisen lässt, wieder eine andere Facette der alten Muster und Bilder. Das genau macht doch die Woody Allen-Filme so einmalig, dass sie, einer wie der andere, die gleichen oder zumindest ähnliche Aussagen, Themen und Charaktere transportieren, aber eben nicht kopiert sondern schattiert. Während andere Regisseure, Drehbuchautoren oder Schriftsteller immer wieder neue Dinge in einen gleichen Zusammenhang stellen, bringt Allen, gemäß dem Gesetz seiner Komik, immer wieder die gleichen Dinge in einen anderen, scheinbar unpassenden Zusammenhang.
Sicher, nach jedem Film mag man sich fragen, welche Facetten denn noch übrig sein könnten, die er nicht schon beleuchtet hat, aber wenn man in diesem Film die Realisierung des am Ende von Annie Hall ("Stadtneurotiker" kann ich einfach nicht schlucken) skizzierten Stücks mit jungen Dramatikern sehen kann, wenn Allen hier wirklich den Sprung wagte, diese Fiktion neu aufzugreifen, dann ist es ihm gelungen, eine völlig neue Facette zu finden, die Geschichte von dem einen gebeutelten Künstler und seiner bezaubernd durchgeistigten und unsicheren Frau noch einmal zu erzählen. Und damit wären auch die Hauptdarsteller gewissermaßen ideal besetzt.
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Wenn Riccis Rolle eine neue Version von Annie Hall sein soll, dann wäre Stockard Channings Charakter eine neue Version von Holly, vielleicht noch ergänzt durch deren Mutter. Na und? Es gab bereits Dutzende dieser Figuren in Allens Werk, und sie ergänzen sich alle. Vollständig, zu erkennen besonders in "Deconstructing Harry", werden sie wohl niemals, es sei denn Allen ließe es irgendwann zu.
Neu ist allerdings eine schonungslose Radikalität, die jeden Humor vermissen lässt, vertreten durch Allens Altersrolle als anarchistischer Schullehrer. Und hier wird von ihm, offenbar von vielen unbemerkt, sehr wohl eine Position zur aktuell-politischen Lage vorgestellt, wenn er diesen Lehrer sagen lässt, dass alle Welt immer glaube, dass die Juden am Krieg Schuld seien. Genau hier scheint meines Erachtens wirklich Allens Wandel vollzogen zu sein. Des Altmeisters Worte biegen sich eben nicht mehr ganz so gut.
Und nun bleibt mir nur noch, in den Raum zu stellen: Was ist überhaupt ein schlechter Woody Allen? Die bisher von mir entdeckten Verrisse beantworten diese Frage jedenfalls nicht. Und Anything Else? Das ist meines Erachtens eben einfach nur ein später Komischer - mit einigen „zerlegenden“ Elementen. Da möchte ich es mir nicht nehmen lassen, auch mit den Worten des Taxifahrers zu schließen: "It's like anything else."